Protokoll Anlagen vom 9. Juni 2009

Anlage zum Tagesordnungspunkt 8 der Sitzung am 9. Juni 2009

„Besuch in Coventry und Kontakt zum dortigen Forum“
Gudrun Fuhrken, Interreligiöser Arbeitskreis Kiel
Die Gründung der Städtepartnerschaft Kiel – Coventry nach dem 2. WK ist zwei Personen zu verdanken:

  • Dem ehemaligen Dekan der Kathedrale von Coventry, Dick Howard, der am Morgen nach dem
    ersten Bombenangriff der deutschen Luftwaffe auf eine englische Stadt (14. Nov. 1940) auf den Trümmern der Kathedrale ein Gebet sprach mit der wiederkehrenden Formel „Father forgive“,
  • und dem ehemaligen Bürgermeister der Stadt Kiel, Andreas Gayk, der im Januar 1947 einen Aufruf in der Zeitung veröffentlichte, in dem er vorschlug, Wege der Verständigung „von Mensch zu Mensch“ gemeinsam mit Coventry zu suchen.
    Zwei Personen, die standhaft davon abrückten, Schuldvorwürfe jeweils an die Adresse der Anderen zu richten und so den steinigen Weg ebneten für versöhnende Begegnungen, für die das Nagelkreuz, hergestellt aus Trümmerteilen der Kathedrale, zum weltweit bekannten Symbol wurde. Eine Delegation, bestehend aus Mitgliedern der Kieler Nagelkreuzgemeinschaft mit seinem Leiter Friedrich Petersen, einem Mitglied der Versöhnungsarbeit in Königsberg sowie Mitgliedern der Kirchengemeinde Schilksee-Strande mit Pastor Peter Scharfenberg, ausgestattet auch mit einem Schreiben der Kieler Stadtpräsidentin, hat Anfang April die Stadt Coventry, die Kathedrale und das Versöhnungszentrum besucht. Ein Teil der Delegation, 4 Mitglieder des Interreligiösen Arbeitskreises Kiel, war eingeladen, an einer gerade stattfindenden Sitzung des CCF, dem Forum Coventrys, teilzunehmen.
    Die Freude über diese Begegnung war wechselseitig und auch die Neugier. Und daher kommt auch die Idee, Ihnen, dem FORUM in Kiel, zu berichten und die Überlegungen anzustoßen, mit dem CCF auf der Basis der bestehenden Städtepartnerschaft Kiel – Coventry in Beziehung zu treten. Zugleich soll ich dem FORUM herzliche Grüße von David Williams, dem Vorsitzenden des CCF, übermitteln. Hier Erfahrungen und Eindrücke aus der Sitzung und dem Umfeld:
  • Das CCF tagt einmal im Monat an wechselnden Plätzen, die die Häuser der mitarbeitenden Institutionen oder Arbeitsstellen sind, d.h. in verschiedenen Stadtteilen und damit Brennpunkten.
  • Es handelt sich um einen Runden Tisch.
  • Der gewählte Leiter ist zur Zeit David Williams, der an der Kathedrale arbeitet und dort u.a. ein
    Fair-Trade-Projekt leitet, das wir kennengelernt haben.
  • Wie wir von dem anwesenden katholischen Geistlichen erfuhren, ging die Initiative zur Bildung
    des CCF von der örtlichen Polizei aus, die die Erfahrung machte, mit ihren herkömmlichen Mitteln nicht mehr zufrieden stellend auf die veränderten Verhältnisse unter der eingewanderten Bevölkerung reagieren zu können, und sich deshalb an Kirchenvertreter und soziale Einrichtungen wandte, um Wissen und Kompetenz anderer in die eigene Arbeit einzubeziehen..
  • Der Runde Tisch, wie wir ihn wahrnahmen, setzt sich inzwischen aus Personen aus dem sozialen Bereich zusammen, aus der kommunalen Verwaltung, Polizisten, Lehrern, kirchlichen Vertretern, Studenten, Rentnern, die eine Art alternative Berufsvorbereitung anbieten, und aus Vertretern von Einrichtungen der Migranten.
  • Die Verteilung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund war zumindest an dem Abend des 06.04. anders als auf dem Kieler Forum.
  • Uns fiel auf, dass anstehende Probleme, nachdem sie benannt waren, auch zeitnah direkt angegangen werden, und bereits auf der folgenden Sitzung Rapport gegeben wird, ob, und wenn, wieweit das Problem behoben wurde.
  • Gleichzeitig wurde deutlich, dass Wert auf die öffentliche Wahrnehmung von Konfliktlösungen gelegt wird, mit dem Ziel, dass über die örtliche Presse mitgeteilt wird, dass Probleme durch Vermittlung von Personen und/oder Institutionen wie dem CCF im gegenseitigen Sich- Verständigen einvernehmlich gelöst werden können. In dem einen uns bekannt gewordenen Fall ging es um einen schweren Fall von Körperverletzung unter zwei der großen und potentiell im Konflikt miteinander lebenden ethnischen Gruppen. Die Konfliktmoderation ergab, dass ein kriminelles, und eben kein rassistisches Motiv vorlag, was einsichtsvolles Reagieren und Frieden stiftendes Handeln auf beiden Seiten möglich machte und eine drohende Eskalation verhinderte.
  • Dabei sind wir bereits bei einer Besonderheit Coventrys im Vergleich zu Kiel: Die Kolonial- und Commonwealth-Geschichte Großbritanniens hat eine lange Tradition im Bereich Integration und Teilhabe an der Gesellschaft. Mit Interesse nahmen wir wahr, dass die seit Generationen in Großbritannien lebenden Menschen mit Migrationshintergrund (Inder und Pakistani z.B.) sich im Vergleich mit neu Hinzugekommenen selbst als integriert erleben und dass das Empfinden des Nicht- oder Noch-nicht-Dazugehörens bei ihnen im Schwinden ist.
  • Beeindruckt haben uns die Berichte über die an dem Abend und bei anderen Informationsveranstaltungen besprochenen Projekte der im CCF zusammenarbeitenden Initiativen zur Förderung von Integration, Gewaltprävention und Aufklärung, wie ein Projekt zur Ermittlung aller an einer Schule gesprochenen Sprachen, bei dem die Vielfalt als Reichtum erlebt werden kann,
  • ein Ernährungsprojekt in einer Schule, zugleich Teil eines die gesamte Stadt einschließenden Fair-Trade-Projektes, in das die Geschäfte der Stadt einbezogen wurden, indem durch eine Rallye die Bevölkerung die Vielfalt fair gehandelter Produkte im breiten Stil erfahren konnte,
  • wobei das Faire des Handels alle Phasen vom Anbau über die Produktion bis hin zum Design
    und der Vermarktung einschließt und Jugendliche und junge Erwachsene selbst, von Fachkräften geschult, ihre Mode auf einer für alle Bewohner zugänglichen Modenschau vorstellten.
  • Als letztes möchte ich ein umfangreiches Projekt zur Konflikt- und Gewaltprävention nennen,
    das uns besonders interessierte, bei dem junge Schüler und Schülerinnen in Kooperation von Schulunterricht, Polizei und Kofliktmanagern trainiert werden, wobei Polizeiausbilder ihnen zeigen, wie sie Polizisten für ihren Einsatz in der Gesellschaft ausbilden.

Als langjährige Partnerstadt Coventrys, als Stadt der Vielfalt und als Modellkommune, denken wir, könnte Kiel die Partnerschaft angemessen über einen Austausch der Foren zur gegenseitigen Bereicherung intensivieren.

Unsere Grüße der Stadtpräsidentin und unser Bericht über das Kieler Forum und die darin vertretenen Vereine, Initiativen und Gruppen in Kiel, die sich dem Frieden in der Stadt verpflichtet wissen, stieß auf der Seite des CCF auf Interesse, und selbstverständlich überbringen auch wir gerne deren Grüße an das Kieler FORUM.
Wir meinen, eine Einladung an das CCF zu den Interkulturellen Wochen der Landeshauptstadt Kiel wäre eine gute Möglichkeit, unsere Stadt mit ihrem Ideenreichtum und ihren Erfahrungen, das Zusammenleben der unterschiedlichen Bevölkerungsteile positiv zu gestalten, darzustellen und in einen Kontakt zueinander zu treten. Das Referat für Migration und das FORUM sind dazu gut aufgestellt, und ein Austausch zwischen den Foren vermutlich ein Gewinn auf beiden Seiten. Wenn ich mit Gedanken oder Ideen bei der Kontaktaufnahme behilflich sein kann, tue ich das gern, so auch Friedrich Petersen von der Nagelkreuzgemeinschaft Kiel.

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