Protokoll Anlage vom 14. September 2010

Beitrag von 2005 – Integration durch Sprache?

Welche Chancen bieten Deutschkurse? Von Hans-Jürgen Krumm, Wien

Unter dem Eindruck des Erfolgs rechtspopulistischer Parteien einerseits wie andererseits des durch die Globalisierung erzeugten wirtschaftlichen Drucks sowie im Gefolge der PISA-Studie werden Gesetze erlassen, die die Integration von Zuwanderern regeln sollen. Die langjährige Verdrängung und Untätigkeit hat die Probleme drastisch verschärft. Es werden, so ist man versucht zu sagen, die Zuwanderer und ihre Kinder jetzt für Zustände verantwortlich gemacht, die sich erst durch die Untätigkeit bzw. falsches Handeln unserer Regierungen so dramatisch entwickelt haben. So müssen z.B. die Migrantenkinder als Sündenböcke für schlechte PISA- Ergebnisse herhalten, die durch unzureichende Förderung im Kindergarten, fehlende Programme zur zweisprachigen Alphabetisierung usw. entstanden sind. Ebenso werden Ghettobildung und Kriminalität bei Zuwanderern beklagt, obwohl Beschränkungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Sozialwohnungen und in der Weiterbildung sowie Versäumnisse in der Gesetzgebung, z.B. was Sicherheit im Aufenthaltsstatus betrifft, vielfach erst zum Entstehen dieser Verhältnisse beigetragen haben. In 5 Punkten sollen daher im folgenden die Grundbedingungen für erfolgreiche Sprachförderung und Integration verdeutlicht werden.

  1. Integration ist ein zweiseitiger Prozess, der eine Respektierung der mitgebrachten Sprach- und Kulturerfahrungen der Zuwanderer durch die Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sowie die Bereitschaft zur tatsächlichen Gleichstellung, rechtlich, wirtschaftlich, kulturell und politisch, einschließt.
  2. Die Erstsprache ist zentraler Bestandteil unserer personalen, sozialen und kulturellen Identität. Der Erwerb der Zweitsprache wird in der Regel nur dann erfolgreich sein, wenn er nicht mit Bedrohung und Verlust der Erstsprache einhergeht.
  3. Zuwanderer wollen in der Regel die Sprache des Einwanderungslandes lernen, vorausgesetzt, es gibt positive Integrationsanreize und angemessene Sprachlernbedingungen. Diese herzustellen sollte die VORAUSSETZUNG für die Verpflichtung zum Sprachkurs sein.
  4. Prüfungen im Zusammenhang mit Integrationssprachkursen nehmen den Sprachenreichtum der Zuwanderer nicht zur Kenntnis und isolieren die Sprachen voneinander, statt die Kenntnisse in der deutschen Sprache als integrierte Bestandteile einer multilingualen Kompetenz zu sehen. Durch solche Maßstäbe werden Zuwanderer „sprachärmer“ gemacht, als sie eigentlich sind.
  5. Pädagogik kann Politik nicht ersetzen: Der Erwerb der deutschen Sprache ist ein notwendiger Bestandteil jener Maßnahmen, die zur Integration von Zuwanderern beitragen, Deutschkurse allein aber sind überhaupt nicht hinreichend.
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