Protokoll 04.09.2012

Die Sitzung wird von Dr. Hussein Anaissi geleitet.

Top 1: Begrüßung und Feststellung der Beschlussfähigkeit
Herr Anaissi begrüßt die Mitglieder und Gäste des Forums. Er ist von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückgekehrt und freut sich, wieder dabei zu sein.
Die Beschlussfähigkeit wird festgestellt.

Top 2: Genehmigung der Tagesordnung
Im Anschluss an Top 7 wird Frau Kilinski die Gelegenheit gegeben, auf eine Veranstaltung des Paritätischen hinzuweisen. Die Tagesordnung wird genehmigt.

Top 3: Protokoll der Sitzung am 7. August 2012
Es gibt keine Anmerkungen oder Änderungswünsche.

Top 4: Termine
Reinhard Pohl kündigt Veranstaltungen am 27. September in Neumünster und am 28. September in Elmshorn an. Die Hinweise werden auch noch per E-Mail geschickt.
Die Möglichkeit, sich über Veranstaltungen der Interkulturellen Wochen auszutauschen, ist unter Top 8 vorgesehen.

Top 5: Bericht des Vorstands und der Geschäftsführung
Es liegen keine neuen Mitteilungen vor.

Top 6: „ELELE – Sozialpädagogisches Begleitungs- und Beratungszentrum für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen“
Hussein Anaissi begrüßt die Referentin Frau Sabriye Bükücüler. Sie stellt sich vor und berichtet, dass sie bereits 10 Jahre Erfahrung in Projekten in Lübeck habe, in die sie auch jetzt noch eingebunden sei.
Der Begriff Elele kommt aus dem Türkischen und bedeutet „Hand in Hand“. Bei ELELE handelt es sich nicht um ein Projekt, sondern um eine Einrichtung, die mit mehreren Städten in Schles-wig-Holstein Vereinbarungen in der Eingliederungshilfe abschließt. Zurzeit sind dies Kiel, Neumünster und Lübeck. Eine zeitliche Begrenzung wie bei einem Projekt ist daher nicht vorhanden.
Frau Bükücüler stellt fest, dass für Menschen mit Migrationshintergrund trotz positiver Veränderungen in den letzten Jahren Hemmnisse bestehen, die vorhandenen Angebote in Anspruch zu nehmen. Im Gesundheitsbereich allgemein müsste die Sensibilität noch stärker geweckt werden, diese Zugangsbarrieren wahrzunehmen und Abhilfe zu schaffen. Für die Eingliederungshilfe stünden Teilnahme und Integration im Mittelpunkt der Aufgaben. Wenn die Fachkräfte einen engen Bezug zur eigenen Community haben, sei dies ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Arbeit in diesem Bereich.
Die Präsentation Elele ist dem Protokoll beigefügt.
Im Anschluss geht Frau Bükücüler auf Fragen aus dem Forum ein, insbesondere darauf, wie Menschen zu der Einrichtung gelangen können. Sie erklärt, dass der Bedarf durch einen Arzt oder Psychiater festgestellt werden kann. Wenn es hier noch keinen Kontakt gibt, nimmt ELELE die Betroffenen an die Hand und sucht geeignete Ärzte. Wenn schon Kontakt zu Ärzten vorhanden ist, stellt sich oft heraus, dass durch Sprachprobleme die Beeinträchtigungen nicht in ihrer Bedeutung erkannt werden. Wenn ein Termin in einer Fachklinik nötig ist, wird dies vermittelt und werden die Patient/innen dorthin begleitet und bei Bedarf sprachlich unterstützt. Die Beratung und Begleitung erfolgt bis zur Installierung der Hilfe. Als Sprachen sind bisher Türkisch und Kurdisch möglich, eine Ausweitung auf Russisch, Polnisch und Arabisch ist geplant.
Die Mitarbeiter/innen unterliegen der Schweigepflicht. Erst wenn sie mit Ärzten oder Behörden in Kontakt treten, können sie durch den Patienten oder die Patientin davon entbunden werden. Frau Bükücüler betont, dass es sich um Fachpersonal handelt, das die Ausbildung hier in Deutschland gemacht hat.
Auf die Frage, ob auch Flüchtlinge ohne gesicherten Aufenthaltsstatus das Angebot nutzen könnten, berichtet sie von positiven Erfahrungen aus Lübeck und Umgebung. Auch hier laufe die Genehmigung aber über das Amt.
Frau Bükücüler berichtet, dass die Resonanz auf das Angebot unerwartet groß sei. Viele Menschen seien bereits seit langer Zeit krank, dies wurde aber auch von den Familien oft nicht erkannt und anerkannt. Daher sei auch eine Sensibilisierung der Familien notwendig. Die Betroffenen seien äußerst dankbar dafür, wenn bestätigt würde, dass es sich um eine ernsthafte Erkrankung handele. Bei dem Angebot von ELELE geht es nicht um eine klassische Therapie und es wird keine Diagnose erstellt. Sie arbeiten auf Grund einer vorhandenen Diagnose oder begleiten Menschen, um eine Diagnose und Behandlung zu bekommen.
Der Vorsitzende dankt Frau Bükücüler und spricht ihr Respekt und Anerkennung für die Arbeit aus. Im Namen des Forums wünscht er viel Glück und Ausdauer bei dem schwierigen Thema.

Top 7: „Transkulturelle Psychiatrie“
Der Vorsitzende begrüßt Herr Dr. Ali-Ekber Kaya und Frau Birdane Börklü vom Psychiatrischen Zentrum Rickling.
Herr Dr. Kaya stellt sich und seine Kollegin vor und weist auf die enge Zusammenarbeit mit ELELE hin. Er ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Leiter der Abteilung für Patient/innen mit türkischem und kurdischem Hintergrund. Frau Börklü ist langjährige Leiterin der größten Abteilung in Rickling. Mitgekommen ist ebenfalls Michael Kosmahl, Sozialpädagoge in der Klinik Rickling. Bei der Klinik handelt es sich um eine Landesklinik, verantwortlich für den Kreis Segeberg bis nach Hamburg hinein. Sie gehört zur Diakonie.
Dr. Kaya stellt fest, dass in Großstädten jedes 3. Kind, bzw. jede/r 4. Bewohner/in einen Migrationshintergrund hat. Theoretisch müsste also der entsprechende Anteil der Menschen auch in der Psychiatrie zu sehen sein. Hier kämen aber nur knapp 2 % an. Es stelle sich die Frage, ob diese Menschen gesünder sind oder ob es Zugangsbarrieren gibt. Erfahrungen aus anderen Projekten zeigten, dass der Anteil auf 20 % steigt, wenn muttersprachliche Ansprechpartner vorhanden sind.
In der Klinik Rickling gibt es knapp 400 Anmeldungen im Quartal aus ganz Schleswig-Holstein und auch darüber hinaus. Wie erklärt sich der große Bedarf? Dr. Kaya stellt fest, dass die Migrant/innen mit psychischen Störungen selbstverständlich da seien, sie seien z. B. bei praktischen Ärzten in Behandlung. Missverständnisse durch andere Ausdrücke für die Befindlichkeit, Schmerzen oder Organe, aber auch Stereotypen, die auch bei Fachleuten im Kopf vorhanden seien, führten zu Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen. Anstelle einer Heilung entstünden neue Probleme. Aufgrund der besonderen Lebenssituation von Menschen mit Migrationshintergrund sei eine besondere Behandlung notwendig. Wichtig für die Patient/innen sei, ihnen die Angst zu nehmen und zu vermitteln, dass sie verstanden werden. Auch Dr. Kaya betont die Bedeutung der Familie. Sie müsse eingebunden sein, da in dieser Kultur das Kollektiv im Mittelpunkt stehe. Das Kollektiv müsse berücksichtigt, die Autonomie gestärkt werden.
Dies sei die Grundlage für die Idee einer hochspezialisierten türkischen Einheit in der Klinik gewesen, „ein Stück Heimat in der Fremde“. Das Personal habe Türkisch gelernt, um den Patient/innen zu signalisieren, angenommen zu sein. Es gibt eine Kochgruppe aus Personal und Patient/innen. Diese Interaktion komme gut an, sie verstärke die familiäre Atmosphäre und vermittle ein heimisches Gefühl.
Dr. Kaya dankt für die Aufmerksamkeit und bedauert, aus Zeitgründen viele Informationen übersprungen zu haben.
In der anschließenden Diskussion wird das Angebot sehr begrüßt und betont, wie wichtig es sei, die Isolation aufzuheben oder zu verhindern, gerade bei psychisch Kranken. Der Wille zur Integration sei vorhanden, vorher müsse aber eine Behandlung und Heilung erfolgen. Sonst reichten die Kräfte hierfür nicht aus.
Herr Kosmahl berichtet, dass er selbst am Anfang skeptisch gewesen sei, die Erfahrung zeige aber, dass dieses Angebot helfe, Brücken zu bauen und die Patient/innen zu stabilisieren. Das helfe dann auch bei der Integration. Es werden in der Klinik beide Seiten verknüpft: die Wertschätzung in der Muttersprache, die Behandlung auf „deutsche Art“. Der Heilungsprozess müsse auf die Einzelperson abgestimmt sein.
Ratsherr Rahim weist darauf hin, dass auch der Verein Shefa so arbeite. Außerdem habe er die Erfahrung, dass immer noch Begrifflichkeiten aus den 50er und 60er Jahren verwendet würden, die nicht geeignet seien, angemessen zu behandeln. Dr. Kaya stellt fest, dass die Sensibilität besser geworden sein. Er appelliert aber an Regierung und Geldgeber, die Unterstützung zu beschleunigen, hier wachse die Sensibilität extrem langsam.
Der Vorsitzende dankt Herrn Dr. Kaya, Frau Börklü und Herrn Kosmahl für die interessanten Informationen und gibt Frau Kilinski vom Paritätischen Schleswig-Holstein die Gelegenheit, eine Fortbildung vorzustellen.

Frau Kilinski stellt sich vor und berichtet vom Projekt des Paritätischen „Öffnung der psychosozialen, psychotherapeutischen einschließlich psychologischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten in Schleswig-Holstein“, das seit Mitte 2011 läuft. Ziel sei die Öffnung der Strukturen. Im Rahmen dieses Projektes wird eine Fortbildung zum Thema „Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Psychotherapie und Beratung“ am 19. September angeboten. Sie richtet sich an Ärzt/innen und Sozialpädagog/innen sowie Pädagog/innen. Weitere Informationen können dem Flyer entnommen werden.

Top 8: „Interkulturelle Wochen 2012“
Dr. Anaissi ruft das Forum auf, die Veranstaltungen der Interkulturellen Wochen zu besuchen und als Forumsmitglieder zu beleben.
Auf einzelne Veranstaltungen wird hingewiesen.
Plakate und Programmhefte für die IW insgesamt und Werbungen für einzelne Veranstaltungen liegen auch in dieser Sitzung zum Mitnehmen und Weiterverteilen aus.

Top 9: Informationen aus Ausschüssen und Beiräten
Es liegen keine Berichte vor.

Top 10: Neue Mitglieder
Neu im Forum ist der Migrantenausschuss der IG-Metall, vertreten durch Herrn Ayhan Sadik.
Hussein Anaissi begrüßt das neue Mitglied.

Top 11: Sonstiges
Reinhard Pohl weist auf die Kieler Oberbürgermeister/innen-Wahl am 28. Oktober hin. Zurzeit laufen Veranstaltungen, bei denen sich die Kandidat/innen vorstellen. Er ruft die Forumsmitglieder auf, Fragen nach deren Vorstellungen zur Integration zu stellen.

Birgit Lawrenz

Dieser Beitrag wurde unter Protokolle 2012 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.