Protokoll 04.11.2014

Die Sitzung wird von Dr. Hussein Anaissi geleitet.

Top 1: Begrüßung und Feststellung der Beschlussfähigkeit
Der Vorsitzende begrüßt die Mitglieder und Gäste des Forums, insbesondere Herrn PapeMiddendorf und Herrn Dr. Nickel vom Hans-Geiger-Gymnasium sowie Dr. Kneib von der Schule für Schauspiel.

Die Beschlussfähigkeit ist gegeben.

Top 2: Genehmigung der Tagesordnung
Es gibt keine Änderungswünsche.

Top 3: Protokoll der Sitzung am 7. Oktober 2014
Es gibt keine Anmerkungen.

Top 4: Termine
Es werden nur Termine benannt, die nach dem Protokollversand stattfinden.
– Freitag, 21. November, 16.00 Uhr, Schleswig-Holsteinischer Landtag: „Flüchtlingspolitik im Mittelmeerraum – Lässt Europa die Flüchtlinge im Stich?“ mit dem Botschafter Italiens, eingeladen ist auch der Flüchtlingsbeauftragte des Landes Stefan Schmidt.

Top 5: Bericht des Vorstands und der Geschäftsführung
Bericht des Vorstands:
Hussein Anaissi berichtet vom Fest der Nigerian Community, zu dem Ben Diogu eingeladen hatte. Er hat dort Begrüßungsworte gesprochen und sei sehr beeindruckt gewesen, dass die Mitglieder des Vereins nach Kiel gekommen seien. Es sei eine tolle Veranstaltung gewesen, ganz im Sinne von Willkommenskultur. Herr Diogu, der erst später in die Forumssitzung kommt, dankt im Namen seines Vereins Hussein Anaissi für seine Teilnahme am Fest. Gleichzeitig bittet er die Forumsmitglieder, sich Zeit für solche Veranstaltungen zu nehmen und die Chance zu nutzen, andere Kulturen kennenzulernen.

Bericht der Geschäftsführung:
Birgit Lawrenz erinnert an die 3. Kieler Bildungskonferenz, die am 5. November stattfindet. Flyer liegen noch einmal aus. Außerdem weist sie auf das Sozialpolitische Hearing hin, das am Freitag, 21. November von 14 – 18 Uhr im Rathaus stattfindet. Hier gibt es die Möglichkeit, sich zum Thema „Wachsende Stadt Kiel – eine Stadt für alle?!“ einzubringen.

Top 6: Muttersprachliche Kompetenz in der Schule
Hussein Anaissi begrüßt sehr, dass hier heute über die Aktivitäten des Hans-Geiger-Gymnasiums (HGG) berichtet wird, da er dort eine große Offenheit für interkulturelle Themen kennengelernt habe. Bevor der Schulleiter Herr Pape-Middendorf auf die Angebote der Schule eingeht, betont er, dass Integration nicht Assimilation und Anpassung bedeute, sondern dass Menschen ihre kulturelle Identität behalten und trotzdem erfolgreich an der Schule mitarbeiten können. Dies sei eine Bereicherung für die ganze Schule. Das HGG ist eine gebundene Ganztagsschule mit Vor- und Nachmittagsunterricht sowie einem Freizeitbereich.
Überall finde interkulturelle Begegnung statt. Zur muttersprachlichen Kompetenz der Schülerinnen und Schüler habe man heute eine gegenteilige Auffassung zu früher. Es komme nicht mehr nur darauf an, die deutsche Sprache zu beherrschen, sondern ebenso die Muttersprache. Es gebe einen Zusammenhang zwischen Schulerfolg und muttersprachlicher Kompetenz. Außerdem spiele die Wertschätzung der Muttersprache eine wichtige Rolle.
Dr. Nickel informiert über seine ehrenamtliche Tätigkeit am Hans-Geiger-Gymnasium. Er war lange Zeit Lehrer für Deutsch und Geschichte am HGG, danach Schulleiter an der Holstenschule in Neumünster. Nach seiner Pensionierung hat er am HGG ehrenamtlich zunächst 15 koreanischen Kindern Deutschunterricht gegeben. Nur für ein Jahr gedacht, ist er heute immer noch ehrenamtlich an der Schule tätig, die koreanischen Schülerinnen und Schüler haben längst die Schule mit guten Abschlüssen, zum Teil mit Abitur verlassen.
Fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler am HGG haben einen Migrationshintergrund und insgesamt sind 25 Sprachen vertreten. Gab es früher noch Empörung, zumindest aber Verunsicherung, wenn sich Schüler/innen auf dem Schulhof in Türkisch unterhielten (bei Französisch oder Englisch sei dies allerdings anders gewesen), habe man heute die Bedeutung der Muttersprache erkannt. In einer persönlichen/nahen Sprache können im Elternhaus ganz andere Themen besprochen werden. Viele Eltern sprechen Deutsch nicht gut, die Kinder würden also zu Hause auch kein gutes Deutsch lernen können, allerdings könnten sie zum Beispiel gutes Chinesisch oder eine andere Sprache zu Hause lernen. Herr Dr. Nickel betont, dass Kinder mühelos zwei bis drei Sprachen sprechen können, Beispiel sei unter anderem die dreisprachige Schweiz. Die Kenntnisse in der Muttersprache bilden eine gute Basis für das Erlernen des Deutschen. Wichtig allerdings sei auch, dass die Kinder die Muttersprache auf hohem Niveau, also auch mit der entsprechenden Grammatik und Semantik lernen. Dadurch werde das Empfinden für andere Sprachen gestärkt.

Dr. Nickel zeigt dem Forum einen Vergleich der Muttersprachenkenntnisse und den Leistungen im Fach Deutsch, der am HGG aufgestellt wurde. Hier zeige sich, dass die meisten Schüler/innen sowohl in der Muttersprache als auch in Deutsch gut seien. Um zu erfassen, welche Sprachen von den Schüler/innen gesprochen werden, bekommen alle einen Fragebogen, in dem sie angeben können, welche Sprachen sie außerhalb der Schule gelernt haben, wo sie die Sprache gelernt haben und wie gut sie ihre Kenntnisse selbst einschätzen.
Die Schule würde gern die Entwicklung aller 25 Sprachen fördern, dies sei aber nicht möglich. Aber die Schüler/innen schreiben ein- bis zweimal im Halbjahr einen Aufsatz in der Muttersprache zu altersgemäßen Themen. Diese Aufsätze werden an muttersprachliche Korrektor/innen weitergegeben.

Herr Ben Aissa merkt an, dass gerade Eltern, die mit dem Deutschen nicht vertraut seien, enorme Anstrengungen unternehmen, damit die Kinder gut Deutsch lernen und in der Schule erfolgreich seien. Dieses Wirken der Eltern im Hintergrund solle bedacht und wertgeschätzt werden.

Herr Pape-Middendorf berichtet, dass es schon vor vielen Jahren Türkisch-Unterricht an der Schule gab, allerdings als AG außerhalb des Unterrichts. In den letzten Jahren wurde die muttersprachliche Förderung verstärkt und auf die 7. bis 10. Klasse, vereinzelt auch auf die Oberstufe, ausgedehnt. Neu ist, dass Türkisch im 8. und 9. Schuljahr im Wahlpflichtbereich als 3. Fremdsprache (neben Latein oder Französisch) angeboten wird. Damit wurde Türkisch als Unterrichtsfach mit Benotung eingeführt. Ein Teil der Kurse richtet sich an Schüler/innen mit türkischer Muttersprache, der zweite Teil an Schüler/innen mit Türkisch als Fremdsprache. Nun würden Erfahrungen gesammelt, eine Auswertung gebe es noch nicht, da erst seit Anfang des Schuljahres 2014/15 damit begonnen wurde. Überrascht seien sie allerdings von der großen Anzahl von muttersprachlich deutschen Schüler/innen im Türkisch-Kurs. Beide Kurse seien etwa gleich groß. Die ersten Rückmeldungen der Schüler/innen seien sehr positiv. Mit diesem Angebot ist das HGG die erste Schule in Schleswig-Holstein.

Herr Dr. Nickel ergänzt noch, dass es einen Austausch mit einer Partnerschule in Samsun in der Türkei gibt und die persönlichen Kontakte der Schüler/innen die beste Motivation für den Türkischunterricht seien.

Der Vorsitzende dankt Herr Pape-Middendorf und Herrn Dr. Nickel und bemerkt, dass die Bedeutung der Muttersprache auch vielen Eltern nicht klar sei.
Die Mitglieder des Forums begrüßen das Angebot am HGG ausdrücklich und berichten von ihren eigenen Erfahrungen oder von ihren Kindern. Alle stellen fest, dass die Pflege der Muttersprache dem Deutschlernen in keiner Weise entgegensteht, sondern dass sie das Fundament für die deutsche Sprache sei.

Auf Nachfrage informiert Dr. Nickel, dass die nachgewiesenen Sprachen im Zeugnis mit „sehr gut“, „gut“ oder „Kenntnisse“ eingetragen werden, benotet werden sie nicht.
Der Vorsitzende wünscht im Namen des Forums viel Erfolg für das Projekt.

Top 7: „Kieler Geschichte(n)“
Dr. Kneib dankt für die Einladung ins Forum und die Möglichkeit, über das Projekt zu berichten. Er ist ehrenamtlicher Geschäftsführer der Schule für Schauspiel. Dort ist die Idee entstanden, Kontakt mit Menschen in Kiel aufzunehmen und ihre Geschichten zu hören. Da er beruflich viel herumgekommen sei, habe er oft selbst das Gefühl gehabt, fremd zu sein. Dieser Begriff steht bei dem Projekt, das mit Bundesmitteln gefördert wird, im Mittelpunkt. Die Erkenntnisse aus einem vorangegangenen Projekt „Gewalt be(f)reit“ lassen sich bei dem neuen Projekt gut einbringen. Das Projekt „Kieler Geschichte(n)“ setzt sich ein für Toleranz und Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Sie konzentrieren sich dabei auf drei Gruppen: Kriegskinder, Heimkinder und Flüchtlingskinder und deren Geschichten. Die Geschichten werden gesammelt und dann von den Schauspieler/innen dargestellt. Dr. Kneib weist hin auf eine erste öffentliche Veranstaltung am 21. November um 19.00 Uhr in der
Bethlehemkirche in Kiel-Friedrichsort.

Es gibt bereits Kontakte zu Forumsmitgliedern, sie sind aber auch an weiteren Kontakten oder Hinweisen auf mögliche Gesprächspartner interessiert. Anonymität und Vertraulichkeit werden gewährleistet, wenn gewünscht. Auch Gespräche in anderen Sprachen sind möglich.

Hussein Anaissi dankt Herrn Dr. Kneib für die Informationen und wünscht viel Erfolg für das Projekt.

Top 8: Mitgliedsorganisationen stellen sich vor: Alevitische Gemeinde Kiel e.V.
Zur Vorstellung der Alevitischen Gemeinde sind Hasan Celebi und Merdan Yeşilbaş gekommen. Sie erklären die Struktur und die Aktivitäten der Gemeinde und gehen auch auf die alevitische Glaubenslehre ein. Der Verein hat knapp 400 Mitglieder und ist eine von 5 Gemeinden in Schleswig-Holstein. Gegründet wurde er 1993. Das 20-jährige Jubiläum wurde im letzten Jahr mit etwa 1.000 Gästen in Kiel-Gaarden gefeiert. Innerhalb des Vereins gibt es auch einen Frauen- und einen Jugendvorstand, Vorsitzender für die Jugend ist zurzeit Herr Yeşilbaş. Als Pendant zu einem christlichen Gottesdienst ist bei den Aleviten die Cem-Zeremonie zu sehen. Der Geistlichenrat hat die Aufgabe, die Cem-Zeremonien zu führen und die Mitglieder religiös zu betreuen sowie Geistliche fortzubilden.
Die Alevitische Gemeinde gibt am kommenden Samstag auf dem Vinetaplatz das AşureEssen aus und lädt alle dazu ein.
Die Präsentation ist dem Protokoll beigefügt.

Auf eine Frage aus dem Forum wird erklärt, dass die meisten Mitglieder bei der Kieler Gemeinde türkischsprachig sind, daher kommt auch der Name „Kiel Alevi Toplumu – KAT“ aus dem Türkischen. Die Aleviten gibt es fast nur in türkisch- und kurdischsprachigen Gebieten und sie sind nicht zu verwechseln mit den „Alaviten“, wenn auch ähnliche Glaubensinhalte bestehen.
Hussein Anaissi dankt den Herren Celebi und Yeşilbaş für die umfangreichen Informationen und lädt herzlich ein, das Forum wieder zu besuchen.

Top 9: Beteiligung des Forums an Stadtteilkonferenzen
Auf Vorschlag von Herrn Zangana in einer der letzten Sitzungen wurde die Liste der Kieler Stadtteilkonferenzen verteilt. Der Vorsitzende bittet darum, wenn Mitglieder an den Konferenzen teilnehmen, im Forum zu berichten.

Top 10: Informationen aus Ausschüssen, Arbeitskreisen und Beiräten
– Hussein Anaissi berichtet aus dem Ausschuss für Schule und Sport, dass die Renovierung von Sportplätzen zurzeit ein wichtiges Thema sei.
– Reinhard Pohl berichtet von einem interfraktionellen Antrag an die Ratsversammlung zum Thema „Flüchtlinge in Kiel willkommen heißen“. Dort heißt es ausdrücklich, dass das Forum einbezogen werden soll. Der Antrag soll mit dem Forumsprotokoll verschickt werden.

Top 11: Mitgliederänderungen
Beim DRK-Kreisverband hat es eine Änderung beim stellvertretenden Mitglied gegeben. Frau Janina Rubach ist ausgeschieden und Frau Gesche Jansen ist wieder zurückgekehrt.
Die Deutsch-Philippinische Gesellschaft hat ihr Interesse an einer Mitgliedschaft erklärt und wird den Antrag stellen.

Top 12: Sonstiges
Es gibt keine Punkte.

Die Sitzung wird um 19.00 Uhr geschlossen.

Protokoll: Birgit Lawrenz

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