10 Jahre Migrationsforum: Die Feier

Starke Stimme der Migranten

Bundesweit beachtetes Kieler Beteiligungsforum feierte sein zehnjähriges Bestehen

Moderator Josef Mikschl begrüߟte im Kieler Ratssaal zahlreiche Besucher zur Feier zehnjährigen Bestehen des Forums für Migrantinnen und Migranten

Als „etwas anarchisch“ bezeichnete einst eine Zeitung aus Süddeutschland wohlwollend süffisant das Kieler Modell zur Beteiligung von Menschen mit ausländischen Wurzeln am kommunalpolitischen Geschehen. Nun hat das Forum für Migrantinnen und Migranten sein zehnjähriges Bestehen gefeiert und das Fazit gezogen: Ein bisschen Anarchie schadet nie.

Zu verstehen ist dieser Satz nur mit Blick auf die Vorgeschichte des Gremiums. Was andernorts Ausländerbeirat hieß, nannte sich in Kiel Interessenvertretung für ausländische Einwohner und startete mit aller formeller deutscher Gründlichkeit. Die erste Interessenvertretung ging 1996 aus ordentlichen Wahlen hervor, eine Neuwahl zwei Jahre später platzte jedoch, weil viel zu wenige Migranten zu den Urnen schritten.

Gizem Gül Simsek (links) und Gizem Nur Yesilyurt von der Alevitischen Gemeinde spielten mit der Saz zum zehnjährigen Bestehen des Kieler Migrantenforums auf.

Aus der Not heraus entschlossen sich die Verantwortlichen nach Angaben von Birgit Lawrenz vom städtischen Referat für Migration, die Belange der fremdländischen Kieler in ein locker organisiertes Forum zu packen – und waren verblüfft, wie gut das funktionierte. Seit dem Jahr 2002 ist diese Form von Beteiligung in offizielle Form gegossen, wobei der Grundgedanke, jede Form von Überregulierung zu vermeiden, bis heute gilt.

Aus Sicht von Michael Treiber von der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege begründet genau dieses Prinzip den Erfolg des Forums, dem inzwischen bei weiter steigender Tendenz fast 50 Mitgliedsorganisatoren. Sport- und Kulturvereine, Moscheen, Bildungsorganisationen und überhaupt so ziemlich alles, was mit Zuwanderung in irgendeiner Form zu tun hat, ist im Migrantenforum mit Sitz und Stimme vertreten.

Özlem Ünsal zog eine positive Bilanz nach zehn Jahren Forum für Migranten.

Özlem Ünsal, die den Zusammenschluss seit 2005 leitet, betonte am Dienstagabend bei der Geburtstagsfeier im Ratssaal, dass die Wirkung des Kreises weit über den Charakter netten Beisammenseins hinaus reicht. Die Kieler Handlungsempfehlungen zur Integration als eine Art Bibel der kommunalen Integrationspolitik sind ein Kind des Forums und ebenso ein jährlicher Integrationsbericht, der Erfolge und Schwachstellen aufzeigt. Nicht zuletzt erhebe man immer wieder die Stimme zu aktuellen Themen, sagte Ünsal und nannte Rechtsterrorismus, Rassismus, Diskriminierung von Discobesuchern ebenso als Themen wie Gesundheit und Bildung. Durch die „geballte Kompetenz“ der Mitgliedsvereine sei das Forum jederzeit in der Lage, qualifizierte Beiträge zu allen wichtigen Debatten zu leisten, versicherte die Vorsitzende.

Stadtpräsidentin Cathy Kietzer (SPD) bestätigte das. Die Kommunalpolitiker hören nach ihren Worten „ganz genau hin, was das Forum zu sagen hat“, und das gilt laut Norbert Scharbach vom Ministerium für Justiz, Gleichstellung und Integration ganz ähnlich fürs Land. Scharbach lobte, dass die Kieler Migranten vielfach eine Vorreiterrolle übernommen hätten, wenn es um die Förderung einer „Kultur des Respekts und des gleichberechtigten Miteinanders“ geht.

Mit Chor und auch mit Kindertanzgruppe trugen die beiden jüdischen Gemeinden und der jüdische Kulturverein Aschkenas aus Kiel zum Jubiläumsprogramm des Migrationsforums bei.

Wunschlos glücklich sind die Mitglieder des Gremiums trotz aller Erfolge nicht. Als große Herausforderung betrachtet Özlem Ünsal die Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen und damit verbunden zielgerichtete Angebote zur Nachqualifizierung. Nötig sei für Kiel eine zentrale Stelle, um den jeweiligen Qualifikationsstand festzustellen und daraus die Konsequenzen abzuleiten. Georges Papaspyratos sprach sich ebenfalls für mehr Unterstützung in den Bereichen Bildung, Sport und Kultur aus. Ohne weitere Bemühungen, so mahnte der Mann von der TuS Gaarden, werde die Gesellschaft dauerhaft unter einer erheblichen Zahl gerade auch junger Integrationsverweigerer zu leiden haben.

Wie gut es andererseits klappen kann, verdeutlicht das Beispiel von Papaspyratos: Ehe er zum Feiern ins Rathaus gekommen war, hatte der griechischstämmige Deutsche in einem türkischen Restaurant mit einer albanischen Freundin Kaffee getrunken.
Von Martin Geist